Es ist nie zu spät, eine liebevolle Kindheit gehabt zu haben.

Gespräch mit der Hypnose-Therapeutin und Heilpraktikerin f. Psychotherapie Heidemarie Steinegger aus Untergruppenbach

Wir leben in einer seelisch kranken Gesellschaft. Nahezu die Hälfte der Bevölkerung klagt über Ängste und Depressionen, das Burnout-Syndrom, Allergien, Asthma, Autoimmunerkrankungen breiten sich immer weiter aus. Nicht mehr nur „Workaholics“ und Spitzensportler sind davon betroffen, sondern bereits Schüler und Studenten. Die Ausgebrannten werden immer jünger. Bei näherer Betrachtung entsteht der Eindruck eines traumatisierten Kollektivs, dem es nicht mehr gelingt, die eigene Sinnkrise durch Verdrängung und Zerstreuung zu bewältigen. Die Gefühle werden immer lauter und wollen endlich gefühlt werden…

Frau Steinegger, überall wird neuerdings über Gefühle geredet. Selbst bei Männern. Welche Rolle spielen Gefühle in ihrem Beruf?

Heidemarie Steinegger: Die Welt der Gefühle war in unserer verstandesorientierten Gesellschaft lange ein Tabuthema. Gefühle wurden unterdrückt. Intensiv zu fühlen, wurde geradezu mit Schwäche gleichgesetzt. Das ändert sich nun. Wir haben das alte Wissen wieder ausgegraben und uns daran erinnert, daß in unserem Unterbewußtsein eine Welt existiert, die ganz von den Gefühlen unserer Kindheit geprägt ist. Und dieses Unterbewußtsein steuert all das, was wir im Leben entscheiden. Durch die Hypnose finden wir wieder Zugang zu dieser Welt der Gefühle.

Das Thema Hypnose ist nicht unumstritten. Immer wieder hört man von Menschen, die unter den Folgen von Hypnose leiden. Wie ist das zu erklären?

Heidemarie Steinegger: Zuerst einmal muß man unterscheiden zwischen der medizinischen Heilhypnose und dem, was bisweilen auf der Bühne passiert, wenn ein Hypnotiseur einen dafür offenen Menschen hypnotisiert. Diese Form von Hypnose halte ich für gefährlich, weil alte Gefühle und Traumata wachgerufen werden können und für den Betroffenen niemand da ist, der sich um ihn kümmert. Der Betroffene wird mit seinen Gefühlen alleine gelassen. Der Bühnenhypnotiseur arbeitet zudem mit Suggestion. Die medizinische Heilhypnose ist etwas ganz anderes. Sie ist eine Art Tiefenentspannung, eine geführte Meditationsreise zurück zu den Ursprüngen unserer Gefühle. Mit dem Ziel, alte Traumata aufzulösen.

Wie sind Sie zur Hypnose-Therapie gekommen?

Heidemarie Steinegger: Ich habe früher in der Praxis eines Gynäkologen gearbeitet, der für neue Therapieformen aufgeschlossen war(streichen). Als das Thema (streichen):Hypnose-Therapie aufkam ein Thema wurde, habe ich die entsprechenden Fortbildungen gemeinsam mit ihm besucht. So hat sich mir eine ganz neue Welt eröffnet. Später folgte eine dreijährige Komplettausbildung beim irischen Hypnose- und Psychotherapeutenverband. Um hinter die Kulissen zu blicken und zu verstehen, was bei der Bühnenhypnose geschieht, habe ich mich auch in diese Richtung fortgebildet, jedoch schnell erkannt, daß dies nichts mit der medizinischen Heilhypnose zutun hat.

Was ist denn das Ziel der Hypnose-Therapie?

Heidemarie Steinegger: Die Hypnose-Therapie geht wie viele andere Therapieformen davon aus, daß das Fundament unseres gesamten Lebens in den wenigen Jahren der Kindheit gelegt wird. Was wir dort unbewußt lernen und erleben, was wir vor allem dort auch an Traumata und Verletzungen erfahren, begleitet uns unser ganzes Leben. Und oftmals reicht ein Leben gar nicht aus, das alles zu bewältigen und zu verarbeiten. Wenn Sie sich umblicken, sehen sie überall verletzte Kinderseelen in den Körpern von Erwachsenen. Entsprechend verhalten sie sich auch.

Ist es denn sinnvoll, ständig nach hinten zu blicken und die Gründe für unsere Lebensprobleme in der Vergangenheit zu suchen?

Heidemarie Steinegger: Es bleibt uns nicht erspart. Dabei geht es nicht darum, die Verantwortung für unser Handeln auf die „bösen Eltern“ zu schieben und eine Opferrolle einzunehmen, sondern um das eigentliche Erwachsenwerden. Wir können nur erwachsen werden, wenn wir bestimmte Entwicklungsschritte bewußt durchlaufen, und indem wir diese negativen Kindergefühlen auflösen bzw. in positive Gefühle umwandeln.
Das Kind lebt ganz in der Gefühlswelt. Wenn es Schlimmes erlebt, hat es in unserer Gesellschaft kaum Möglichkeiten, diese Erlebnisse bewußt(streichen) zu verarbeiten. Bei den Indianern oder den Aborigines in Australien gab es Medizinmänner und –frauen, die solche Aufgaben innehatten. In anderen Naturvölkern waren es die Schamanen. Dort wurde schon vor Jahrtausenden mit Hypnosetherapie gearbeitet, wenn man diese auch anders nannte. Die Leidenden wurden in Trance versetzt und unternahmen geführte Traumreisen. Es gab viele Rituale, um Traumata aufzulösen. Heute ist die Verdrängung der beliebteste gängigste Weg. Wir unterdrücken alle sogenannten Schwächen, anstatt uns zu fragen, woher unsere Ängste stammen.

Dann stimmt also der alte Psychologenspruch, daß wir 80 Jahre brauchen, um die ersten 7 Jahre unseres Lebens zu verarbeiten?

Heidemarie Steinegger: Nein. Der stimmt leider nicht. Ohne Hilfe verarbeiten wir sie nie.

Bei einem Therapeuten las ich einmal die Worte: Herzlichen Glückwunsch! Sie haben die gefährlichste Zeit Ihres Lebens überlebt – ihre Kindheit! Ist die Kindheit wirklich so eine gefährliche Zeit? Oder anders gefragt: Wird hier so vieles falsch gemacht?

Heidemarie Steinegger: Zur Kindheit gehört immer ein Umfeld, von dem wir geprägt werden, und entsprechende Bezugspersonen. Zum einen haben wir heute das Phänomen der auseinanderbrechenden Familien. Viele Kinder werden nur von einem Vater oder einer Mutter erzogen. Was zu einem Mangel auf der einen Seite führt. Viele Familienverbände wiederum sind geprägt von dominierenden Personen, wie etwa Patriarchen, die eine natürliche Entwicklung der Kinder schon früh unterbinden. Zudem ist die Vorstellung, wie Kinder sein sollten und wie Erziehung funktioniert, von unserer Gesellschaft geprägt. Unsere moderne Leistungsgesellschaft ist sicherlich kein ideales Umfeld für eine gesunde, seelische Entwicklung. Deshalb sind auch so viele Menschen seelisch krank.

Immer mehr Menschen erkennen, daß wir heute mit dem Verstand alleine viele Probleme nicht mehr lösen können. Der Ruf nach einem ganzheitlichen Denken wird immer lauter. Frühere Kulturen wie die Naturvölker haben ganzheitlicher gedacht, sich als ein Teil des großen Ganzen gesehen. Heute fühlen sich viele Menschen einsam, als wären sie alleine auf der Welt. Liegen auch hier die Wurzeln in der Kindheit?

Heidemarie Steinegger: Um diese Frage zu beantworten, muß ich ein bißchen ausholen. Jeder Mensch durchläuft vom Beginn seines Dasein, also von der Zeugung im Mutterleib an, bestimmte Entwicklungsstufen. Wir haben vom dem Zeitpunkt an, an dem sich das Gehirn entwickelt, eine Erinnerung. Es ist aber eine reine Erinnerung der Gefühle. Wir liegen zwar geschützt im Mutterleib, aber über den Hormonhaushalt und den Blutkreislauf der Mutter erhalten wir ständig Gefühlsinformationen. Wir bilden mit unserer Mutter eine absolut symbiotische Einheit: Wir kennen ihren Herzschlag. Wir kennen ihren Atemrhythmus. Wir kennen ihre typischen Bewegungsmuster. Wir kennen ihren Tagesrhythmus. Wir kennen ihre Stimme. Ihre Stimmung ist unsere Stimmung. Wir fühlen, was unsere Mutter fühlt. Fühlt sie Freude, Angenommensein, fühlen wir das auch. Und wir „merken“ uns dies. Fühlt sie Angst, Ablehnung, Streß, Einsamkeit, Alleingelassensein, fühlen wir dies ebenfalls. Und wir „merken“ uns auch dies. Das heißt für uns: Obwohl wir uns in einem Schutzraum befinden, können wir früh Glück und Zufriedenheit, aber auch Angst, Einsamkeit und Ablehnung fühlen.

Ist unsere Geburt dann noch erschwert durch Kaiserschnitt, Frühgeburt oder gar Brutkasten, so prägen sich uns auch diese Gefühle ein. Kaiserschnitt beispielsweise bedeutet: abruptes Herausgerissenwerden aus unserem Schutzraum. Brutkasten bedeutet: Weggegebenwerden, frühe Trennung von der Mutter. Auch die vielen traumatisierenden Erlebnisse aus der Kleinkinderzeit, wie zum Beispiel Mißhandlungen, Trennungen, Entwürdigungen,… gehören hierzu. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, all diese Erleben formen unseren Charakter. Sie sind in unserem Unterbewußten abgespeichert und beeinflussen alle späteren Entscheidungen. Sie werden zu Glaubenssätzen und im Grunde zum Fundament unserer einer Pseud-Identität. Wenn wir sie nicht irgendwann auflösen.

Sie haben bereits erwähnt, daß in früheren Kulturen entsprechende Rituale existiert haben, um die Menschen aus der Kinderzeit in die Erwachsenenzeit zu führen. Herrscht hier heute ein Vakuum?

Heidemarie Steinegger: Ja. All diese Rituale sind uns verlorengegangen. Das Innere Kind der meisten Menschen ist zutiefst verletzt. Folge sind eine Vielzahl von Erkrankungen, die sich körperlich wie seelisch zeigen, jedoch in dieser verletzten Seele ihren Ursprung haben. Um nur wieder einige Beispiele zu nennen, die hier verankert sind: Allergien, Asthma, Autoimmunerkrankungen (wie Collitis ulcerosa), alle Formen von Angst und Panik, Sucht, Schmerzen u.v.m. Hier setzt die medizinische Heilhypnose an, bei der Ursache, beim Ursprung, nicht bei den Symptomen. Und der Ursprung liegt zumeist dort, wo wir so schwer hinsehen können. Und doch kann man ihn sichtbar machen.

Es ist immer wieder erstaunlich, was hinter den Familien-Kulissen so alles geschieht, wie Menschen miteinander umgehen. In der biblischen Überlieferung heißt es ja sinnbildlich, daß die Sünden der Väter sich bis ins 3. oder 4. Glied vererben. Das kann ja im übertragenen Sinne bedeuten, daß wir auch unsere Traumata an unsere Kinder „weitervererben“.

Heidemarie Steinegger: So ist es. Was wir nicht bewältigen, geben wir weiter. Wer selbst keine Liebe erfahren hat, wird sich schwer tun, diese an seine Kinder weiterzugeben, wer Gewalt erlebt hat, wird sie häufig weitergeben. Viele Familiengeschichten zeigen diese Dynamik schon seit vielen Generationen. Irgendwann muß dieser sogenannte „Teufelskreis“ durchbrochen werden. Und wir müssen bei uns selbst beginnen. Wir müssen unsere eigene Seele heilen. Kein anderer kann das für uns tun. Aber wir können es nicht alleine ohne Hilfe schaffen. Als Hypnose-Therapeutin muß ich den Patienten auf diesem Weg zur Heilung führen, leiten und begleiten. Diese Heilung möchte ich durch meine Arbeit unterstützen. (streichen). Und ich weiß, daß darin eine große Verantwortung liegt.

Kürzlich las ich einen Artikel über das Gebot:„Du sollst Vater und Mutter ehren“. Viele Menschen fragen sich: Wie kann man Eltern ehren, von denen man nicht geliebt oder vielleicht sogar seelisch und körperlich mißhandelt wurde? Laut dem Artikel war die ursprüngliche Bedeutung des Gebotes: „Du sollst Vaterschaft und Mutterschaft zur Ehre bringen“, richtete sich also nicht an die Kinder, sondern an die Eltern. Das klingt logisch, oder?

Heidemarie Steinegger: Auf jeden Fall. Die Eltern tragen die Verantwortung für die natürliche Entwicklung ihrer Kinder. Darin liegt eine große Verantwortung. Denn jedes Kind hat Grundbedürfnisse, wie Angenommensein, Wärme, Liebe, Fürsorge, Sicherheit. Erhält es diese nicht, so ist sein Lebensweg geprägt von der Suche danach. Die medizinische Heilhypnose arbeitet mit diesem Inneren Kind, das auf der Suche ist. Sie ist ein Weg, Zugang zum Unterbewußtsein zu finden, Traumata und krankmachende Glaubenssätze aufzulösen und das Fehlende nachträglich zu ergänzen. Dabei ist es egal, wie alt ein Mensch ist. Denn wie heißt es doch so schön: Es ist nie zu spät, eine liebevolle, gesunde und schöne Kindheit gehabt zu haben.

Das Interview führte Michael Hoppe