Angst – der Alb, der uns im Genick sitzt

Vor einiger Zeit rief mich Paula T. an, eine Kollegin an der Schule habe ihr einen Artikel von mir mitgebracht. Darin sei es zwar nicht um ihr Problem gegangen, sie haben Angst- und manchmal sogar Panikattacken, ob ich auch so etwas mit Hypnose behandeln könne? Sie habe vor jeder Unterrichtsstundestunde, vor Angst schweißnasse Hände und Magenschmerzen Ich erklärte ihr, Angst- und Panikerkrankungen seien ehrlich gesagt, ideal für eine Heilung mit Hypnosetherapie. Ich begann ihr nun einiges Grundsätzliches über Heil-Hypnose zu erklären, zum Beispiel, dass Hypnose ein wunderbarer, stress-freier Zustand der körperlichen Schwere und der inneren Fokussierung auf EIN ausgewähltes Thema, konzentriert auf die Gefühlsebene, ist, dass Heilhypnose somit die Arbeit von Patient und Therapeut mit diesen Gefühlen ist. Es findet keinerlei Kontrollverlust , niemals ein Willensduell zwischen Therapeut und Patient statt. Ganz im Gegenteil, der Erfolg beginnt erst mit dem vertrauensvollen Miteinander zwischen Patient und Therapeut. Der eigene Wille bleibt erhalten. Nur mit Vertrauen zum Therapeuten, sind die Erfolge einer Hypnosetherapie überhaupt erzielbar.

Dies alles schien sie zu überzeugen, aber…. sie wohne weiter entfernt, wie solle das funktionieren? Ich sagte ihr, dass ich auch Kompakt-Therapien anbiete. Sie würde über den vereinbarten Zeitraum in einer Pension wohnen, und wir würden dann mehrere Therapiestunden an einem Tag machen. Das wäre zwar anstrengend, aber auch sehr effektiv. Das kostenlose Vorgespräch und die Erstanalyse könnten wir vorab telefonisch machen. Nach einigen Tagen rief sie wieder an und hatte sich für diesen Weg entschieden.
Beim anschließend vereinbarten Telefon-Termin erklärte ich Ihr, dass ich zuerst einmal mit ihr ihren frühkindlichen Lebenslauf erarbeiten möchte, um möglichst die Ursachen ihrer Beschwerden einzukreisen, denn jedes Erlebnis, jedes Wort löst in uns Reaktionen und Gefühle aus, die das Unterbewusstsein speichert und zwar genau mit jeweils DER Bewertung aus DEM Altersbereich, in dem das Erlebnis stattgefunden hat.
Diese Angst jetzt in einen Schrank zu sperren und den Schlüssel fort zu werfen, wäre aber der falsche Weg, genauso falsch, wie eine fleckige, nasse Wand nur zu überstreichen. Nach kurzer Zeit kommen die Flecken und die Nässe wieder durch und das Problem ist dann mindestens so groß wie vorher. Paula T. bestätigte mir dies, egal, was sie gemacht hätte, jedes Mal sei es zwar kurze Zeit besser geworden, aber anschließend wieder genau so schlimm, wie vorher geworden. Wie sich im weiteren Verlauf des Gesprächs zeigte, stand ihre Angst stark im Zusammenhang mit ihrem Vater. Jeder Fehler, den siegemacht hatte, jede Unsicherheit, die sie zeigte, wurde spöttisch, manchmal richtig zynisch und in der Kindheit durchaus auch mal mit einer kräftigen Ohrfeige „kommentiert“.

Wir hatten vermutlich hier den Anfang des Fadenknäuels in ihre tiefere Vergangenheit, den Auslöser, aber sicher noch nicht die Ursache ihrer Probleme gefunden! Hinzu kam neben der Angst, das Gefühl, grundsächlich für alles zu dumm zu sein, unfähig, irgendetwas wirklich richtig zu machen.

Zwei Wochen später saß sie in meiner Praxis. Wir begannen jetzt langsam unter Hypnose im Alter zurückzugehen. Unser Ariadnefaden war nun doppelt so dick, wie vorher: Angst und das grundsätzliche Gefühl, eben einfach „unbrauchbar“ zu sein. Über wenige Sitzungen hinweg fanden wir uns ungefähr im zweiten bis dritten Lebensjahr wieder. Ihr Vater hatte gerade wieder einen Riesenstreit mit ihrer Mutter, dabei ging es wohl um Paula; er wurde immer lauter, war außer sich vor Wut, brüllte, schlug die Mutter.
Eigentlich hatte die kleine Paula nur der Mutter helfen wollen und angefangen, einen Teller nach dem Essen abzuräumen. Sie war auf einen Hocker geklettert, hatte einen der leeren Teller erfasst und dann war er ihr einfach aus den kleinen Händchen gerutscht. Ihr Vater schlug erst sie und nahm sich dann die Mutter vor. Außer den Schlägen fielen ganz entsetzliche Worte wie: er hätte ja nie Kinder haben wollen. …Mädchen seien etwas ganz besonders unnützes, und sie selbst sei ja zu blöd gewesen, wenigstens einen Sohn zur Welt zu bringen. „Wärt ihr bloß bei der Geburt verr……“! Obwohl sie vieles noch gar nicht verstand, brannten sich die Sätze in ihr Unterbewusstsein ein und steuerten ab jetzt ihr Selbstwertgefühl, ihre Selbstwahrnehmung.
Und es war ja nicht Vaters einziger „Ausrutscher“ gewesen. Nein, immer und immer wieder bestätigten seine Bemerkungen und Wutausbrüche genau diese alten Denkmuster. Auch ihre Mutter war keine Hilfe für sie. Ganz im Gegenteil, diese Frau war innerlich längst zerbrochen und völlig hilflos. Sie stellte für ihre kleine Tochter nur einen weiteren Beweis dar, sich für die kleine Paula einzusetzen, lohnte sich ganz einfach nicht.

An Paulas aufsteigenden Angstreaktionen unter der Hypnose, erkannte ich, aller Wahrscheinlichkeit nach hatten wir das Urereignis gefunden. Ich entließ sie daher gar nicht erst aus der Hypnose. Wir machten uns sofort an die „Verarbeitung“ der alten Situation.
Ich begann vorsichtig ihr Inneres Kind von diesem Urereignis zu distanzieren und Paula T. nahm ihr Inneres Kind auf den Arm; es war bei der erwachsenen Paula nun sicher, geschützt und geborgen. So konnte die kleine Paula keine Schmerzen, keine Angstgefühle, keine Erniedrigung erleben. Ihr erwachsenes Ich gab ihr alles an Liebe, Hilfe, Zuwendung, Fürsorge und Schutz, was sie damals vermisst hatte. Im weiteren Verlauf der Hypnose tauschten wir allmählich eine neue, ruhige, sichere Erinnerung gegen die alte, angstbelastete aus.
Anschließend mussten diese neuen, positiven Gefühle in weiteren Sitzungen in ihrem Unterbewusstsein gefestigt werden. Es war wunderbar für mich zu sehen, wie Paula T. die Therapiestunden am Ende als angstfreier Mensch verlies.

Paula T. hatte eine der typischen Ursachen für eine spätere, negative Selbsteinschätzung und anschließend folgenden Angstgefühlen gezeigt, das Initialereignis – ein Schockerlebnis in frühester Kindheit.