Scheidung – und was nun?

Vor einigen Tagen saß Barbara M., Ende fünfzig, bei mir in der Sprechstunde. Sie wirkte
fassungslos und hatte stark verweinte Augen. Schon bei der Anmeldung am Telefon hatte sie immer wieder aufschluchzen müssen. Ihr Mann hatte sie verlassen, einfach so, Knall auf Fall.

Er war von einer seiner häufigen Auslands-Inspektionen für die Firma heimgekommen. Schon bei der Begrüßung war er recht abweisend, aber sie schob es auf Müdigkeit und Jetlag. Den Koffer ließ er im Flur stehen und ging nach oben ins Bad, duschte ausführlich und kam dann runter um zu essen, was sie ihm gerichtet hatte. Dann setzte er sich vor den Fernseher und schaute sich den laufenden Krimi an: „Lass den Koffer, das mach ich nachher.“ Als der Film zu Ende war, ging er noch mal hoch und sie maß den Geräuschen oben keinerlei Bedeutung bei. Dann kam er mit einer prall gefüllten, großen Reisetasche runter, zog seine Schuhe und den Mantel an, nahm den Koffer und meinte kurz: „So ich geh dann….“ „Wie, du gehst?“ fragte sie verständnislos. „Siehst du doch, ich geh, ich zieh aus.“ Sprach´s und schlug die Tür hinter sich zu. Weg war er. Barbara M. war wie vor den Kopf geschlagen, sie verstand gar nichts mehr.

Wie und was sie die folgenden Tage gemacht hatte, konnte sie mir nicht sagen. Sie war noch immer fassungslos. Einige Tage danach hatte sie ihn endlich am Handy erreicht und bekam nur zur Antwort, da sei sie ja wohl selber schuld dran….. sie sei so was von doof und langweilig und außerdem hätte er es satt, sich dauernd mit einer hässlichen, alten Frau zu befassen. Ja, es gäbe eine Andere, diese sei auch nicht viel jünger, aber offen, weltgewandt, intelligent, attraktiv und sexy. Sarah würde wenigstens auch ihr eigenes Geld verdienen und hätte es beruflich zu etwas gebracht. Sie selbst sei ja nur auf Putzen, Kochen, Garten und die Kinder fixiert. Mit ihr könne man sich in Gesellschaft ja nur noch blamieren.

Barbara M. war durchaus gepflegt und dezent gekleidet. Sie erzählte, dass sie auch halbtags arbeite, das Haus und den Garten in Schuss halte und für die drei Jungens, der jüngste war jetzt 17 Jahre alt, immer gesorgt hätte. Ihr Mann habe immer extra gekocht bekommen abends und auch sonst habe sie ihm immer den Rücken frei gehalten, er hätte gar nichts tun müssen. Selbst den Rasen hätte sie oder inzwischen die Jungs gemäht. Ebenso habe sie die Finanzen zusammen gehalten und lieber an sich gespart, damit er sich trotz Kreditraten, seine Wünsche, wie Fußball-Stadion und Modelflugzeuge habe leisten können. Und jetzt, wo alles leichter werde, die Kinder langsam flügge werden und der Älteste schon selbst Geld verdiene, mache er alles kaputt. Warum nur? Sie fing wieder an zu weinen. Ob denn alles bis jetzt wirklich harmonisch gewesen sei, fragte ich. Er sei bisweilen schon sehr nichtachtend und hässlich zu ihr gewesen und habe sie achtlos behandelt, aber das hätte ihr Vater mit der Mutter auch so gehandhabt und ihre Mutter war immer stolz drauf gewesen, nie Krach provoziert zu haben, sich nie gewehrt zu haben und sich sogar diese Respektlosigkeiten zu verbitten. „Eine gute Frau muss so `was aushalten können“, war ihr Kommentar. Barbara M. hatte dieses Verhalten als richtig und normal erlernt und sich danach verhalten. Sie würde ihren Mann auch jederzeit wieder aufnehmen, wenn er bloß irgendwann zu ihr zurückkommen würde, meinte sie.

Wir sprachen sehr lange und ausführlich darüber, wobei ich ihr langsam klarmachte, dass so ein nichtachtendes Verhalten keineswegs als normal zu tolerieren sei. Wir vereinbarten dann eine erste Hypnosesitzung, in der ich sie in eine besonders heftige Szene zwischen Vater und Mutter zurückführte. Genau in diesem Fall war ihr Vater auch noch verbal auf sie losgegangen, da sie zur Mutter stand. Während sie diese Situation nochmals ausführlich durchlebte und jetzt zum ersten Mal bewusst erlebte, wie schmerzhaft und erniedrigend es für sie und ihre Mutter war, wie sie jede Beleidigung und Unterstellung schlucken mussten und beide nur noch zwei Häufchen Elend waren. Sie merkte erst jetzt, dass sich solche Erlebnisse wie ein schwarzer Faden durch ihre Kindheit zogen und sich später in ihrer Eh wiederholten. Eigentlich hatte sie die gewohnte „Komfort-Zone“ nie verlassen. Hier kannte sie sich aus, das war bekanntes Terrain. Ich ließ sie jetzt die Mutter und die kleine Barbara aus der Szene herausnehmen und sie selbst als Erwachsene den Vater stoppen und ein höflicheres Verhalten einfordern. Anschließend erlaubte sie sich, ihn stehen zu lassen. Ihr Vater zeigte sich in dieser Szene erstaunt und wortlos. Wir wiederholten die Szene in mehreren gleichartigen Situationen und sie wurde dabei immer ruhiger und mental stärker. Sie wachte mit deutlich mehr innerer Stärke aus der Hypnose auf. Besonders ihn stehen zu lassen und sich hoch erhobenen Kopfes zu entfernen, tat ihr immens gut.

In den folgenden Tagen hatte sie mehrere sehr unangenehme Telefonate mit ihrem Ehemann, in denen er immer neue, haltlose Vorwürfe aus dem Hut zog. Dank des vorangegangenen Gesprächs und der Hypnose erkannte sie, wie ruppig und respektlos ihr Mann in all den Jahren bis heute mit ihr umgegangen war. In den folgenden Hypnosen stärkte ich ihre innere Ruhe und ihr Selbstbewusstsein so massiv, dass sie anfing sich ein Leben ohne ihren Mann vorstellen zu können.

Ich habe bis heute zu ihr Kontakt, wir telefonieren immer mal wieder. Es geht ihr gut, sie hat mit einer Bekannten ein eigenes, kleines Geschäft aufgemacht, das langsam aber stetig wächst. Sie ist geschieden. Ihr Exmann hat inzwischen immer wieder wechselnde Damenbekanntschaften.